Lieblingsautor*innen (II): Roger Willemsen

«Wer glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?» Diese Frage stellt sich Roger Willemsen, als er vom Interviewer Juri Steiner in einer Sternstunde Philosophie gebeten wird, sich selber einer Frage zu stellen. Und die Antwort sagt in einem Wort schon vieles über Roger Willemsen und sein Werk und weshalb ich in so mag: «Ein Entflammter».

Denn dieses Feuer, diese Leidenschaft für Menschen, für die Gesellschaft zieht sich durch sein gesamtes Werk. Gepaart mit seiner ethnographischen Beobachtungsgabe und seinem brillanten Intellekt werden seine Bücher dadurch zu einem Kaleidoskop, das mir die Welt in unterschiedlichsten Facetten sichtbar macht, soziale Entwicklungen benennt, Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt.

So beispielsweise in «Deutschlandreise», das 1994 erschien und für das Willemsen monatelang durch die Republik fuhr, mit unzähligen Leuten spricht, noch viel «unzähligere» Leute beobachtet und die Erkenntnisse und Beobachtungen immer wieder einordnet. Beispielsweise an dieser Stelle

«Er blickt aus dem Fenster mit dem Behagen eines Mannes, der auch gerne Eisläuferinnen stürzen sieht. Jetzt hat er zufrieden einen Zigarillo aus dem Silberetui in der Brusttasche gezogen, dabei zwei rote Hosenträger entblösst, die Krawatte samt Spange mit der in Silber gesägten Skyline von Köln glatt gezogen, als müsse er den vorbeiziehenden Forst in Klafter Holz umrechnen. „Es gibt Menschen“, steht in Hebbels Tagebuch, „die vor dem Meer stehen und nur die Schiffe sehen, die darauf fahren, und auf den Schiffen nur die Waren, die sie geladen haben.“ Zieht einen Flunsch, als der Schaffner kommt und sein Ticket sehen möchte. Das ist unter seiner Würde. Isst sein Brötchen aus der Papiertüte, zweimal bleibt der gezackte Papierrand zwischen den Zähnen hängen. Seine kleinen Ohren sind feuerrot. Er könnte kaum lächerlicher sein, wenn er mit Hüfthaltern dasässe. Es ist eine Welt, in der man zwischen „Freiheit“ und „Freizeit“ nicht unterscheiden kann, „Gesellschaft“ sagt und „Zielgruppe“ meint, von einem „Konzept“ spricht und nicht einmal eine „Idee“ besitzt, von einer „Idee“ spricht und nicht einmal einen Einfall hat. Lauter Urteile, aber keine Begriffe. Alles haltlos, alles schwankend, doch könnte mein Gegenüber nicht selbstbewusster sein. Wer bringt ihm schonend bei, das selbst das Nichts physikalisch instabil ist?» (Deutschlandreise (1994), S. 68f)

Seine Reisen führten in aber meist viel weiter weg. In «Die Enden der Welt» (2010) versammelt er Geschichten und Erzählungen aus fünf Erdteilen und lässt einem mit seiner bildhaften Sprache fast physisch an den Erlebnissen teilhaben.

Eine Herzensangelegenheit war im Afghanistan. Er engagierte sich nicht nur sehr stark in Projekten, sondern bereiste das Land regelmässig. Daraus entstanden verschiedene Werke: «Afghanische Reise» (2006), «Hier spricht Guantánamo: Roger Willemsen interviewt Ex-Häftling» (2006) oder «Es war einmal oder nicht. Afghanische Kinder und die Welt» (2013).

Man würde Roger Willemsen jedoch nicht gerecht werden, wenn man sein Werk auf die Reisen zu reduzieren versuchte: Denn natürlich ist sein Themenspektrum, die er in 36 Büchern, unzähligen Artikeln, Reden, Drehbüchern und in über 2000 Interviews abhandelt unendlich breit. Meine Favoriten daraus sind: «Der Knacks» (2008), in dem er sich – auch autobiographisch – mit dem Scheitern, mit Brüchen, Niederlagen, Enttäuschung und Verlust beschäftigt; «Das Hohe Haus», für welches er ein Jahr lang alle Sessionen des Deutschen Bundestages besucht, um herauszufinden, ob die Volksvertreter*innen tatsächlich das Volk vertreten und wie sie das tun; und dann vor allem «Wer wir waren». Willemsen arbeitete an dieser Gesellschaftsanalyse, bis er 2015 die Krebsidagnose erhielt und daraufhin das Schreiben einstellte. Ein Buch unter diesem Titel erschien dann 2016 trotzdem. Es ist eine überarbeitete Fassung einer Zukunftsrede, die Willemsen 2015 hielt. Es ist eine Tragödie, dass das geplante Buch nicht mehr erscheinen konnte; gleichzeitig aber auch ein Geschenk, dass die Rede veröffentlicht wurde, denn kaum einer seziert die Gesellschaft so genau aber auch so schön wie Willemsen:

«Nicht nur ermöglichen wir unseren Arbeitgebern schrittweise die restlose Verfügung über unsere Person durch schrankenlose Erreichbarkeit, über unsere Lebensführung durch Übermittlung unserer Gesundheitsdaten, über Identifikationen, die Sektenstrukturen haben und Persönlichkeitsrechte kränken, wir leiden sogar unter „Freizeitstress“, übersetzen unser Tun in Kosten-Nutzen-Kalkulationen, sind Spezialisten für Dinge, die einmal der Effizienz entzogen waren: Freizeit, Faulheit, Prokrastination, Selbstversenkung, Trauer, alles wird Wissenschaft, wird Kompetenz, wird Arbeit. Etwas zu erarbeiten ist die Erholung. Die Arbeit, werden wir schliesslich sagen können, war unsere Metapher, das Medium, das uns vor der Betrachtung der Existenzfragen, vor der Sichtung der Bedrohungen, vor dem Protest und der Ohnmacht bewahrte, und manchmal wachten wir auf, mitten in einer grossen Stadt, wo der Coca-Cola-Spot laut von den Videowänden schallte, so dass sich der Schrei der Möwen dagegen kaum behaupten konnte, und fragten: Warum? Wie weiter? Alte Fragen, an denen wir zuerst wahrnehmen, dass sie alt waren und dass sie weichen würden, dem Coca-Cola-Spot und seinem Crescendo der in der Brause jauchzenden Lebensfreude, die perlt und schäumt, wie wir es tun, wenn wir die Protagonisten eines Werbespots sein wollen oder uns so fühlen dürfen. Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Wir agierten auf der Schwelle – von der Macht des Einzelmenschen zur Macht der Verhältnisse. Von der Macht der Verhältnisse in die Entmündigung durch Dinge, denen wir Namen gaben wie „System“, „Ordnung“, „Marktsituation“, „Wettbewerbsfähigkeit“. Ihnen zu genügen nannten wir „Realismus“ oder „politische Vernunft“. Auf unserem Überleben bestanden wir nicht. Denn unser Kapitulieren war auch ein „Mit-der-Zeit-Gehen“.» (Wer wir waren (2016), S. 50ff)

Roger Willemsen starb im Februar 2016 an Krebs.

Werke von Roger Willemsen im BVL

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s