eine reise des lebens – unterwegs auf dem „salzpfad“

Ich liebe Krimis! Sie sind meine bevorzugte und häufigste Lektüre. Weshalb, kann ich mir selber nicht recht erklären; vielleicht im Wissen, dass all das Schlechte und Böse ein gutes Ende findet? Nichtsdestotrotz: Auch in unserem übrigen Sortiment gibt es viele lesens- (oder hörens- und sehens)-werte Trouvaillen. Und eine solche Perle ist mir kürzlich in die Hände gekommen und hat mich von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann gezogen. Das echte Leben schreibt halt doch immer wieder beeindruckende Geschichten.

Deshalb nehme ich Sie heute mit auf eine Wanderung. Das heisst, nicht nur heute, nicht nur ein paar Stunden – es handelt sich auch nicht um eine Zwei- oder Drei-Tages-Tour; nein, wir werden gleich mehrere Monate auf Schusters Rappen unterwegs sein.

Es ist dies die Geschichte, die Wanderung von Raynor und Moth Winn. Das Paar mittleren Alters verliert, praktisch von einem Tag auf den anderen, ihre Farm in Wales, und damit sowohl das über Jahrzehnte lieb gewonnene Dach über dem Kopf als auch die Existenzgrundlage; die Ersparnisse – diese sind für Anwälte und Prozesskosten verschwunden; und obendrein auch noch Moth‘ Gesundheit, in Form einer unheilbaren neuro-degenerativen Erkrankung.

Aus dieser Not heraus, mit einem Budget von 50 Euro pro Woche und entgegen den Rat seiner Ärzte („Vermeiden Sie Anstrengungen, laufen Sie keine zu weiten Strecken!“), begeben sich Ray und Moth auf den „Salzpfad“. Dieser rund 1000 Kilometer lange, wilde Wanderweg entlang der englischen Südwestküste, ursprünglich geschaffen, um Schmuggler aufzuspüren, wird während Monaten zu ihrem neuen Zuhause, ein Zelt zu ihrem Obdach, Mahlzeiten aus der Dose zu ihrem Standard-Menu. Ein Abenteuer, im Einklang mit der rauen, freien Natur, aber auch ein Ringen gegen die Gewalt der Elemente, gegen Wind und Wetter, Hunger und Moth‘ Krankheit; ein Kampf ums Überleben mit dem Allernötigsten, eine Reise an die eigenen Grenzen, aber auch zu sich selber und im Glück, einander zu haben. Erstaunlich vor allem Moth‘ körperliche Entwicklung: Je länger die beiden unterwegs sind, desto besserer Verfassung erfreut er sich. Die frische Luft, die Bewegung, die Wärme tun ihm gut (Kälte und Nässe allerdings weniger), lindern seine Schmerzen und die Symptome seiner Krankheit und strafen damit alle ärztlichen Prognosen Lügen – wenn auch nur vorübergehend.

Nicht nur die Natur, sondern auch Menschen prägen ihren Weg. Ray und Moth ernten Interesse und Wohlwollen, aber auch ungläubiges Staunen über ihr Tun („Was, eine solch anstrengende Tour in eurem Alter?!“), ja, sogar Vorurteile und offene Ablehnung für die „Landstreicher“, was sie dazu bringt, ihre Situation und Beweggründe meist gar nicht im Detail darzulegen. Sie wandern. Punkt. Auch andere, meist jüngere, Backpacker kreuzen ihren Weg. Eine dieser Begegnungen hat mich besonders nachdenklich gestimmt: jene mit der Frau, welche Ray offenherzig, in Unkenntnis von Rays Lage, erzählt, dass sie als nächstes zum Friseur müsse, um sich „den Haaransatz nachfärben zu lassen“. – Bei aller Tragik und Trauer, welche hinter Rays und Moth‘ Geschichte steckt, lebt das Buch von solchen lustigen Episoden; es beschönigt zwar nichts, wirkt dank des aufrichtigen, humorvollen Schreibstils aber nicht deprimierend, sondern im Gegenteil sehr hoffnungsvoll und ermutigend.

Rays und Moth‘ ständiger Begleiter auf der Wanderung: Paddy Dillons Reiseführer „The South West Coast Path“. Das Buch dient ihnen zugleich als Wander-Tagebuch, in welchem sie Erlebnisse, Eindrücke, Begegnungen, Freud und Leid eintragen und festhalten. Aus diesen Notizen fertigt Ray nach ihrer Rückkehr ein Buch für Moth, für die Zeit, in welcher sein krankheitsbedingter körperlicher und vor allem geistiger Zerfall seine eigenen Erinnerungen an die Wanderung trüben, oder gar auslöschen, wird. Das Buch findet den Weg in den Handel, wird international zum Bestseller – und sorgt so für ein neues Auskommen für die beiden. Aus der Not ist etwas Neues entstanden, anders, aber ebenso stimmig für sie.

Und: Die Reise geht weiter, es gibt ein Wiedersehen mit den Protagonisten – im kürzlich erschienenen Band „Wilde Stille“. Was Ray und Moth alles erleben und wie es ihnen dabei ergeht – lesen Sie selber, es lohnt sich!

Eine sehr eindrückliche Geschichte aus dem wahren Leben, ein modernes Märchen mit (leider nur teilweisem) Happy End! Eine Geschichte auch, die Mut macht, dass sich in scheinbar ausweglosen Lagen ein Türchen öffnen kann, solange man an sich selber glaubt, auf sein Bauchgefühl vertraut und manchmal auch ein wenig Glück auf seiner Seite weiss.

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