Lieblingsautor*innen (I): Arno Camenisch

«Der Senn hängt an seinem Gleitschirm in den Rottannen unterhalb der Hütte der Alp Fusse des Sez Ner. Er hängt mit dem Rücken zum Berg, von der Hütte aus hört man ihn fluchen, mit dem Gesicht zur anderen Talseite, wo die Spitzen der Berge gegen den Himmel ragen, Seite an Seite, in der Mitte der Péz Tumpiv, mächtig, wie er da steht, mit seinen 3101 Metern, als überrage er die anderen schneefreien Bergspitzen. Der Zusenn sagt, der kommt dann schon wieder, der soll ruhig noch ein bisschen zappeln, wenn er schon nicht drüber gekommen ist»

«Orapronobis, der Alte hoch oben im Himmel lässt sich dieses Jahr aber Zeit, Cofferteckel, wenn denn etwas Schnee fallen würde, wäre das nicht verkehrt, sagt der Paul und schaut in den Himmel, aber Petrus, der Esel, hält uns hin, und sein Boss hat anderes zu tun»

Das sind die jeweils ersten Abschnitte aus Sez Ner, dem 2009 erschienen Erstling, und aus dem 2018 erschinenen «Der letzte Schnee» von Arno Camenisch – und sie zeigen nicht nur, dass er ein Meister der ersten (und langen) Sätze ist, sondern sie stehen auch exemplarisch für das 12 Bücher umfassende Werk von Arno Camenisch. Und dafür, weshalb er einer meiner absoluten Lieblingsautoren ist. Denn Arno Camenisch schreibt mit viel (Sprach-)Witz, mit einem ganz eigenen Rhythmus und mit einer grossen Melodiosität und Leichtigkeit, durch die er in seinen Geschichten eine Atmosphäre schafft, die mich regelmässig komplett in die Handlung versinken lässt. Sei es in das Leben auf der Alp in «Sez Ner», in die Dorfbeiz in «Ustrinkata», an die Skilift-Station in «Der letzte Schnee», in das Schulhaus in «Herr Anselm» oder an die Tankstelle in «Goldene Jahre».

Die Aufzählung dieser Buchtitel zeigt: Arno Camenisch greift bei seinen Themen sehr stark auf die Erinnerung an seine Vergangenheit, an seine Herkunft zurück. Für mich ist er deshalb – er würde den Ausdruck vermutlich hassen, aber er ist nur positiv gemeint – eine Art moderner «Heimatschriftsteller», weil er es in seinen Büchern schafft, ein dörfliches Leben, das heute an einigen Orten noch existiert, aber immer mehr vom Aussterben bedroht ist, präzise und liebevoll zu dokumentieren. Es ist auch nicht verwunderlich, dass mich diverse Stellen immer wieder an meine eigene Vergangenheit, an meine eigenen Grosseltern erinnern lässt – beispielsweise diese aus seinem letzten Buch «Der Schatten über dem Dorf»:

«Nach dem Zwischenfall am Flughafen in Zürich, als der Grossvater mehrmals durch die Kontrolle musste, weil es piepste und er schliesslich das Zigarettenpäckchen aus der Tschopentasche nehmen musste, was die Grossmutter sah, wo sie doch meinte, der Grossvater habe bereits seit Jahren mit dem Rauchen aufgehört, und daraufhin bis Amsterdam nicht mit ihm redete, verlief die Reise gut»

Sowieso das letzte Buch «Der Schatten über dem Dorf», dass von einer schlimmen Tragödie in einem Graubündner Dorf handelt: In diesem tollen neuen Werk behält Camenisch all seine erzählerischen Qualitäten bei – die Leichtigkeit, den Rhythmus, den Humor. Es hat aber gleichzeitig eine Ernsthaftigkeit, die dieses Buch für mich noch wertvoller macht.

Arno Camenisch liest am Donnerstag, 2. September 2021 auf Einladung der Stadtbibliothek im stattkino aus «Der Schatten über dem Dorf».

Musikalisch begleitet wird er vom absolut grossartigen Roman Nowka. Wir freuen uns!

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